Warum Pantomime und Magie perfekt zusammenpassen
Ja, ich bin Pantomime und ja, ich bin gleichzeitig Zauberer.
Für viele Menschen klingt diese Kombination zunächst ungewöhnlich. Für mich ergänzen sich beide Kunstformen jedoch auf ganz natürliche Weise. Pantomime lebt von Imagination, während Zauberei Unsichtbares sichtbar macht. Doch der eigentliche Schlüssel liegt für mich in etwas anderem: in der Schauspielkunst.
Meine Zauberei entsteht nicht durch schnelle Effekte oder laute Überraschungen. Viel wichtiger ist mir die spielerische Freude, die eine Figur transportiert. Eine klar inszenierte Persönlichkeit erzählt immer auch eine Geschichte — selbst dann, wenn kein einziges Wort gesprochen wird. Genau dort entsteht für mich echte Faszination.
Meine Walk-Acts, wie Butler Herrmann oder Sheriff Hardy Honse, funktionieren genau nach diesem Prinzip. Beide Figuren etablieren sich allein durch ihre Erscheinung, ihre Haltung und ihre Energie beim Publikum. Kostüm, Körpersprache und Präsenz spielen dabei eine entscheidende Rolle.
Von einem Sheriff erwartet man automatisch etwas anderes als von einem Butler. Die Fantasie des Publikums beginnt sofort zu arbeiten — ganz ohne Erklärung. Das unterscheidet sich stark von der klassischen Situation, in der ein Zauberer von Tisch zu Tisch geht und fragt: „Möchten Sie einen Zaubertrick sehen?“
Bei mir passiert Magie eher nebenbei. Die Figur beschäftigt sich mit etwas, entdeckt etwas oder gerät in eine Situation — und plötzlich entsteht Zauberei mitten im Moment. Gerade das Nonverbale ist dabei unglaublich kraftvoll. Wenn wir auf Worte verzichten und stattdessen mit Blicken, Pausen und Intuition arbeiten, entsteht automatisch Präsenz. Man befindet sich im Jetzt. Genau dieser Zustand ist für Zauberei von enormer Bedeutung.
Denn Magie braucht Fokus.
Wenn Zuschauer und Künstler gemeinsam in diesen Moment eintauchen, entsteht Verbindung. Dann kann ein kleiner magischer Effekt plötzlich eine große Wirkung entfalten.
Ich sage nicht: „Schauen Sie, hier ist mein Portemonnaie.“
Stattdessen hole ich es langsam aus der Tasche, mache eine Pause und lasse Spannung entstehen. In diesem Augenblick ist alles möglich. Der spielerische Raum öffnet sich, und die Vorstellungskraft des Publikums wird aktiviert.
Wie entstehen neue Figuren?
Oft werde ich gefragt, wie ich immer wieder neue Charaktere entwickle. Hier möchte ich einen kleinen Einblick in meine schauspielerische Gedankenwelt geben.
Für mich gibt es drei grundlegende Elemente, die eine Figur lebendig und einzigartig machen.
1. Die Emotion
Der wichtigste Ausgangspunkt einer Figur ist ihre Emotion. Wir alle erleben täglich Gefühle wie Freude, Wut, Unsicherheit, Stolz oder Traurigkeit. Genau dort beginnt Charakterarbeit. Die Aufgabe besteht darin, diese Emotion sichtbar zu machen. Viele Menschen versuchen beim Spielen einer Rolle, möglichst allen zu gefallen. Doch genau das wirkt oft künstlich. Spannend wird eine Figur erst dann, wenn sie eine klare emotionale Haltung besitzt.
Man unterscheidet dabei vier emotionale Grundtypen:
- Choleriker – temperamentvoll, dominant, impulsiv
- Sanguiniker – lebensfroh, spontan, kommunikativ
- Melancholiker – sensibel, nachdenklich, ernst
- Phlegmatiker – ruhig, gelassen, gemütlich
Jeder Mensch trägt Anteile von allen Typen in sich. Die Kunst besteht darin, bestimmte Eigenschaften stärker hervorzulocken und bewusst zu überzeichnen.
2. Das Kostüm
Kleider machen Leute — und Figuren erst recht. Ein Kostüm verändert unmittelbar unsere Haltung und unser Verhalten. Eine Uniform wirkt anders auf den Körper als leichte Sommerkleidung. Das eine vermittelt Ordnung und Autorität, das andere Freiheit und Leichtigkeit.
Deshalb ist es wichtig, sein Kostüm wirklich kennenzulernen. Auch kleine Details können eine enorme Wirkung haben: Perücken, Brillen, falsche Zähne oder besondere Accessoires verändern oft sofort die eigene Körpersprache. Alles, was hilft, die Figur glaubwürdig werden zu lassen, ist erlaubt.
3. Der körperliche Status
Im Schauspiel unterscheidet man häufig zwischen Hochstatus und Tiefstatus.
Hochstatus: Ein Hochstatus-Charakter wirkt dominant, kontrolliert und gesellschaftlich angesehen. Die Bewegungen sind ruhig, klar und reduziert. Die Haltung ist aufrecht. Solche Figuren haben wenig zu verlieren. Ein König ist das klassische Beispiel für absoluten Hochstatus.
Tiefstatus: Der Tiefstatus dagegen wirkt unterwürfiger und unsicherer. Die Bewegungen sind aktiver, hektischer oder kleiner. Die Haltung ist eher gebeugt. Diese Figuren haben mehr zu verlieren — als Beispiel möchte ich hier den Hofnarren nennen.
Das Faszinierende daran: Der Körper kann nicht lügen.
Sobald wir eine Emotion wirklich zulassen, verändert sich unser Körper ganz automatisch. Schultern ziehen sich hoch, Schritte werden breiter oder kleiner, der Blick verändert sich. Genau dort beginnt lebendiges Spiel. Deshalb lohnt es sich, einfach zu experimentieren und unterschiedliche Zustände auszuprobieren. Die Welt der Figuren ist nahezu grenzenlos.
Fazit
Zauberei lebt für mich von Geschichten, Charakteren und echten Momenten. Die Magie steht nicht isoliert im Mittelpunkt, sondern entsteht organisch aus der Figur heraus. Dadurch wirkt sie leichter, spielerischer und oft auch emotionaler.
Nonverbale Kommunikation öffnet einen anderen Wahrnehmungskanal. Sie schärft den Blick für kleine Details und macht den Moment intensiver erlebbar.
Und vielleicht ist genau das das Schönste an der Figurenarbeit: Man erschafft neue Persönlichkeiten — und bleibt dabei trotzdem immer man selbst. Denn die Freude am Spiel überträgt sich unmittelbar auf das Publikum. Genau dort entsteht echte Magie.
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