Hat diese Kunstform noch eine Zukunft?
Woran denken Sie, wenn Sie das Wort Pantomime hören? An Stille, klassische Musik, Poesie, imaginäre Wände, weiße Handschuhe und weißes Make-up? Vielleicht auch an Menschen, die auf öffentlichen Plätzen bewegungslos herumstehen und darauf warten, dass jemand eine Münze in den Hut wirft. Dazu vielleicht noch eine Träne unter dem Auge und fertig ist das Klischee. Ganz ehrlich: Das macht nicht unbedingt Lust darauf, sich eine komplette Pantomime Show im Theater anzusehen. Ein Klischee jagt das nächste. Und für Pantomimekünstler*innen, die von dieser Kunst leben möchten, ist dieses Bild beinahe ein wahrgewordener Albtraum.
Man könnte diesen Artikel an dieser Stelle eigentlich beenden. Die Pantomime hatte ihre große Zeit, heute interessiert sie kaum noch jemanden. Vorhang zu, Licht aus, ab ins Museum. Aber ganz so einfach ist es zum Glück nicht. Die Pantomime ist nicht tot. Sie braucht nur einen neuen Anstrich.
Pantomime war schon immer eine Nischenkunst
International gibt es heute nur noch vergleichsweise wenige Schulen und Universitäten, an denen man die Kunst der Pantomime systematisch erlernen kann. Vermittelt werden vor allem ihre Geschichte, klassische Techniken und die Fähigkeit, den eigenen Körper als Instrument einzusetzen. Pantomime ist und war immer eine Nischenkunst. Im weitesten Sinne bewegt sie sich zwischen Schauspiel, Tanz und visuellem Theater. Genau darin liegt aber auch ihre besondere Kraft: Sie kann Geschichten erzählen, Emotionen sichtbar machen und Menschen faszinieren, ohne dass dafür viele Worte notwendig sind. Gleichzeitig gibt es keine Pantomime-Ensembles an Theaterhäusern und kaum ein etabliertes Repertoire an Stücken, auf das Künstler*innen zurückgreifen können. Die Hürden sind also groß. Trotzdem gibt es Hoffnung, denn vielleicht muss sich die Pantomime nicht retten, indem sie sich selbst konserviert, sondern indem sie sich verändert.
Von Chaplin und Marceau zur heutigen Pantomime
Wenn man über die Geschichte der Pantomime spricht, kommt man an Charlie Chaplin (1889–1977) und Marcel Marceau (1923–2007) nicht vorbei. Chaplin zeigte schon früh, wie universell körperliches Spiel funktionieren kann, und Marceau prägte mit seiner Figur Bip über Jahrzehnte das internationale Bild der klassischen Pantomime. Beide haben enorme Meilensteine gesetzt und bewiesen, dass eine weitgehend wortlose Kunstform ein riesiges Publikum erreichen kann. Ihr Einfluss ist bis heute spürbar. Trotzdem glaube ich, dass die Zeit von Chaplin und Marceau hinter uns liegt. Das bedeutet nicht, dass ihr Werk weniger wertvoll wäre. Im Gegenteil: Sie haben das Fundament gelegt. Aber ein Fundament ist noch kein fertiges Haus. Warum sollte die Pantomime heute genauso aussehen müssen wie vor 50 oder 100 Jahren?
Die Pantomime muss sich von ihrem eigenen Klischee befreien
Ich glaube, dass es mutige Pantomimekünstler*innen braucht, die bereit sind, neue Formen zu erforschen und sich von festgeschriebenen Vorstellungen zu lösen. Stille muss kein Sakrament sein. Auch Kostüme, Masken, Clownerie, Objekte, Musik oder andere theatrale Mittel können Teil der Bildsprache sein. Pantomime darf lustig, absurd, modern, laut in ihrer Wirkung und sogar überraschend sein. Es geht nicht darum, die Technik oder die Geschichte dieser Kunstform aufzugeben. Es geht darum, sie weiterzuentwickeln und eine eigene künstlerische Sprache zu finden.
Als praktizierender Pantomimekünstler muss ich mich zwangsläufig mit dieser Frage auseinandersetzen, wenn ich Theaterbühnen füllen möchte. Gemeinsam mit meinem Duo-Partner Nicolas Rocher bin ich seit vielen Jahren als Duo Mimikry unterwegs. Mit unserem abendfüllenden Programm „Tasty Biscuits“ begeistern wir Menschen mit einer Mischung aus körperlichem Theater, Comedy und visuellem Spiel. Und obwohl das Publikum am Ende unserer Vorstellungen regelmäßig begeistert aufspringt und applaudiert, bleibt eine Frage immer wieder bestehen: Wie erklären wir eigentlich, was wir machen?
Denn sobald wir das Wort „Pantomime“ benutzen, entstehen bei vielen Menschen sofort die bekannten Bilder. Weiße Handschuhe. Stille. Marcel Marceau. Eine imaginäre Wand. Und genau deshalb mussten auch wir uns irgendwann vom Begriff Pantomime verabschieden. Nicht, weil wir keine Pantomime mehr machen, sondern weil wir gemerkt haben, dass ein Begriff manchmal mehr Grenzen setzen kann, als er Möglichkeiten eröffnet.
„Comedy ohne Worte“ - unser eigener Weg
Nach vielen Neustarts kamen wir schließlich zu einer Beschreibung, die für uns wesentlich besser funktioniert: Comedy ohne Worte. Bei uns ist Stille kein Heiligtum, sondern ein Stilmittel. Trockene Poesie wird durch bitter-süßen Sarkasmus ersetzt. Körpertheater trifft auf Comedy, Absurdität trifft auf Alltag und Bewegung trifft auf Timing. Wir versuchen dabei nicht, die Pantomime neu zu erfinden. Wir versuchen vielmehr, herauszufinden, was wir mit den Möglichkeiten dieser Kunstform heute machen können.
Vielleicht ist genau das die Zukunft der Pantomime: nicht die Bewahrung alter Regeln um ihrer selbst willen, sondern die Freiheit, diese Regeln kreativ zu nutzen, zu verändern und manchmal auch zu brechen. Eine Kunstform lebt schließlich nicht davon, dass sie möglichst originalgetreu konserviert wird. Sie lebt davon, dass Menschen sie benutzen, hinterfragen und mit ihrer eigenen Persönlichkeit weiterentwickeln.
Pantomime Theater heute
Die Pantomimekunst von gestern muss deshalb nicht die Pantomimekunst von heute sein. Ihr Erbe ist wertvoll. Die Körperarbeit, die Technik und die Geschichte dieser Kunstform sind ein großer Schatz. Aber ein Schatz gehört nicht in eine verschlossene Vitrine, er gehört auf die Bühne.
Was es braucht, sind junge Menschen, die visuelles Theater lieben und den Mut haben, sich selbst darin neu zu entdecken. Vielleicht nennen sie das Ergebnis Pantomime. Vielleicht Comedy. Vielleicht Clownerie, Tanz oder visuelles Theater. Vielleicht entsteht sogar etwas völlig Neues, für das wir heute noch keinen Namen haben.
Und genau das ist für mich kein Problem, sondern Hoffnung.
Fazit
Die Zukunft der Pantomime liegt vielleicht nicht darin, die Pantomime von gestern zu bewahren, sondern darin, den Mut zu haben, die Pantomime von morgen zu erfinden.
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